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Alt 27.11.2005, 13:02   #1
xxl
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Ketocity - Die Story (Bitte hier keine Kommentare)


Bitte stellt hier nur eure Geschichten ein



Inhaltsverzeichnis:

Der Würfel wackelt (XXL)
Willkommen in Ketocity (XXL)
Wer hat meine Knetos? (Grikape)
Tage wie dieser (Kidimisa)
Am Rim (Dallas)
Shelleys Gedanken (BlackCat)
Besuch beim Bürgermeister (XXL)
Ausgerechnet Samba! Betty denkt nach! (Betty Page)
Ein Nachmittag in der Bibliothek von Ketocity (PerditaX)
Der nächste Morgen (Grikape)
Ein neuer Chef (Dallas)
Die Befreiung I (XXL)
Ein schöner Tag (Grikape)
Die Befreiung II (XXL)
Falling Down (XXL)
Neue Hoffnung für Bunny (Summz)
Der Eindringling (BlackCat)
Das Ende (XXL)

Geändert von BlackCat (08.05.2006 um 08:25 Uhr).
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Alt 27.11.2005, 13:04   #2
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Ketocity - Die Story (Bitte hier keine Kommentare)

Ich will selbst eine Geschichte über Ketocity schreiben. Was soll ich beachten?

- Bitte behandelt die eingestellten Charaktere wie reale Personen. Benutzt sie respektvoll und nur gemäß ihrer Eigenschaften.
- Ihr könnt in der Gegenwarts- oder Vergangenheitsform schreiben.
- Eure Geschichte darf natürlich auch in der dritten und auch der zweiten Person geschrieben sein.
- Wenn ihr in der ersten Person schreibt, dann bitte aus Sicht eures eigenen Charakters.
- Die Charaktere sind tabu für Verletzungen, Tod, abwesend gehen, lächerlich machen usw.
- Wenn ihr einen Charakter mehr als nur nebenbei erwähnen wollt, dann weiht den Paten bitte vorher ein.
- Wenn ihr sonstige Forumsmitglieder verwendet, dann stimmt euch mit denen bitte ab.
- Es ist nicht möglich, dass ein Bewohner, der nicht als Charakter eingestellt ist, sich einer Katze nähern kann.
- Es gibt kein TV, kein Telefon, keine Computer. Alles steht in der Zeitung. Das Radio spielt nur Musik.
- Im See kann man nicht schwimmen und Boote gibt es keine.
- Es gibt keine Waschmaschinen, Haushaltsgeräte, Fernrohre, Pistolen, Gewehre, Messer usw.
- Keine anderen Tiere und auch keine Kinder in die Stadt mitbringen bitte.
- Füttert keine Katzen und über Katzendreck wird auch nicht geschrieben.
- Die Bewohner kennen keinen Ort außerhalb von Ketocity.
- Bitte schreibt erst dann über den Sperrbezirk, wenn die „Befreiung“ raus ist.
- Die Währung sind Knetos. Für jedes Gramm realen Gewichtsverlusts gibt es einen Kneto auf das Konto. Beim Zunehmen muss zurückgezahlt werden. Bargeld gibt es nicht. Mit 1000 Knetos im Monat lebt man schon nicht schlecht.
- Bitte schreibt trotzdem!! Ihr könnt euch auch als Geschäftsleute betätigen (die Verwaltung besorgt euch alles), Gebäude und Lokationen erfinden, Dealer werden,…
- Wenn euch die Stimmung und die Grundhaltung der Bewohner noch fehlt. Mich erinnert die Atmosphäre immer an die alten amerikanischen Spielfilme über die Prohibition.
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Alt 27.11.2005, 13:06   #3
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Ketocity - Die Story (Bitte hier keine Kommentare)

Dies ist noch mal die spontan entstandene Geschichte aus Rubikscubes Tagebuch. Damals ahnte ich noch nicht, dass es weiter gehen würde.

Episode 1 – Der Würfel wackelt

Es ist einer dieser tristen Novemberabende, an denen einem die klamme Kälte unaufhaltsam durch die Kleidung dringt. Ich gehe durch die menschenleeren Straßen von Ketocity und lenke meine Schritte in eines der verufenen Viertel der Stadt. Die Lichtreklamen der einschlägigen Nachtlokale spiegeln sich verzerrt in den Pfützen der ausbesserungswürdigen Straße wider. Der Regen nimmt zu und ich ziehe den Kragen meines Mantels enger zusammen und beschleunige meine Schritte in Richtung der „Schwarzen Katze“.

Mir geht diese Bunny nicht aus dem Kopf. Während ich im Dunkel meiner kleinen Detektei in dem schäbigen Hinterhaus einer Seitenstraße saß und an Zeiten dachte, wo meine Bauchspeicheldrüse noch angemessen Insulin für jede Süßspeise produzieren konnte, erwartete ich vom Tag nicht mehr, als dass er zu Ende ging.
Plötzlich hatte sie den Raum betreten und sich die Regentropfen aus dem blonden Haar geschüttelt, bei dem ich sofort erkannte, dass die Farbe echt sein musste. Es hätte keinen größeren Kontrast geben können als zwischen diesem jungen Ding und meinem schmuddeligen Büro. Während ich versuchte meine Beine vom Tisch auf den Boden zu bekommen, ächzte der alte Stuhl unter meinem enormen Gewicht. Ich stolperte um den Tisch herum, um ihr den kleinen Besucherstuhl zurechtzurücken und verharrte in dem Moment als sie bis an den Tisch vortrat und sich zu mir vornüber beugte. Ich versuchte mir in meiner seitlich verdrehten grotesken Körperhaltung einen letzten Rest von Würde zu bewahren und stützte mich möglichst lässig auf den Tisch, während ihr unbeschreibliches Gesicht dem meinem immer näher kam. Ich begann spontan zu schwitzten und widerstand dem unprofessionellen Drang mit der freien Hand meinen Kragen zu lockern. Aus den Augenwinkeln musterte sie das Büro und ein geringschätziger Zug umspielte ihre Lippen. Sie kam mir so nahe, dass ich ihren Atem riechen konnte. Ein feiner und nur zu bekannter Duft nach kürzlich verspeisten Schaumküssen drang in meine Nase. Also doch! Mit dem untrüglichen Gespür eines trockenen Kohlenhydratikers hatte ich sofort den Verdacht gehabt, dass auch Sie bereits dem Teufelszeug verfallen ist, auch wenn ihr drahtiger Körper noch an keiner Stelle, an der sie es einem wie mir erlauben würde nachzusehen, ein Gramm Fett zu viel zu haben schien.
„Ich will, dass Sie meinen Freund finden!“ sagte sie mit leiser aber fester Stimme und legte eine Bild, eine Visitenkarte und einen Hunderter auf den Tisch. „Sie haben 2 Tage Zeit. Wenn Sie erfolgreich sind, bekommen Sie weitere Hundert als Prämie. Sie finden mich jederzeit dort.“ Sie deutete auf die Visitenkarte. Ich nahm die Karte in die Hand und war nicht überrascht. KetoFIT ist der exklusivste Fitnessklub von Ketocity, wo sich nur die Reichen und Schönen tummeln.
Ich höre ein leises Geräusch und als ich wieder aufsah, fiel die Tür quietschend hinter ihr ins Schloss.

Als ich die „Schwarze Katze“ betrete, brauchen meine Augen nicht lange, um sich an das Licht zu gewöhnen, da es hier nicht viel heller ist, als draußen in der dunklen Gasse, in welcher das Etablissement liegt. Die schwarze Katze steht heute selbst hinter dem Tresen und nickt mir nur kurz zu. Ich weiß, dass sie mich hier solange nicht gerne sieht, bis ich meine Schulden bei ihr beglichen habe. Aber weil ich in Ketose bin, erlauben ihr die Gesetze der Stadt nicht, mir den Zutritt zu verweigern.
Ich lasse meine Augen durch den Raum schweifen. Der Schuppen ist für diese Zeit schon gut besucht. Eine Menge Leute sind hier, weil sie Unterstützung bei ihren Gewichtsproblemen suchen und mit anderen Erfahrungen austauschen wollen. Auch sind sie hier vor den KH Dealern sicher.

Die schwarze Katze scheint zu ahnen, warum ich hier bin und deutet mit dem Kinn in Richtung einer unauffälligen Tür in der dunklen Ecke. Sie vermutet richtig. Ich suche Ed, das Wiesel. Der betreibt hier im Hinterzimmer ein verbotenes Wettbüro. Vor dem großen Crash war er Börsenmakler gewesen.
Ich gebe das nur Insidern bekannte Klopfzeichen an der Tür und warte, während die dumpfen Schritte hinter der Tür näher kommen. Als die Tür aufspringt, steht eine hagere Gestalt vor mir, deren Konturen so gar nicht zu den meisten Bewohnern der Stadt passen wollen. Als Ed mich erkennt, macht sich ein Grinsen in seinem Gesicht breit. Das magere entstellte Gesicht wird dadurch nicht viel attraktiver. „Ah! Mein Goldjunge kommt mich mal wieder besuchen. Komm rein! Ich habe einen heißen Tipp für dich.“
Noch bevor die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist, greife ich nach Eds Schulter und bedeute ihm damit, sich zu mir umzudrehen. Ich halte ihm das Bild von Bunnys Problem unter die Nase. „Kennst du den?“ Ed wirft nur einen kurzen Blick auf das Foto, welches wie mein Mantel im Regen nass geworden ist und schüttelt den Kopf. „Wer soll die Bleichnase sein?“ Ich antworte ihm, dass in das nichts angeht. „Warum fragst du nicht die Katze? Die kennt fast jeden in der Stadt. Ich sehe nur die, die sich trauen bei mir zu wetten. Ach ja…ich vergaß…sie wird dir wohl eher nicht helfen wollen!“ grinst er mich höhnisch an.
In der Tat hat die Ratte eine Begabung dafür, die noch vom Salz und Fett der letzten Mahlzeit triefenden Finger in die offenen Wunden anderer Leute zu halten. Ich versuche einen gleichgültigen Gesichtausdruck zu bewahren, obwohl ich ein Gefühl im Bauch habe, als ob mir jemand ein glühendes Messer hinein gestoßen hätte.
Ohne mich hätte es die Katze längst geschafft Ketocity zu verlassen. Ich wollte ihr damals helfen und hatte sie überredet eine Körperwette auf mich abzuschließen. Ich hatte ihr vorgemacht, ich sei ein Durchläufer. Und bei Gott, ich war selbst felsenfest davon überzeugt. Leider kam dann der Einbruch und sie verlor ein Vermögen durch mich. Ich versprach ihr, den Schaden zu ersetzen. Aber auch das hatte ich nicht geschafft, weil ich mein ganzes Geld in den Fastfoodhöllen im Sperrbezirk durchgebracht habe. Wenn ihr Ed nicht geholfen hätte, wäre sie auf der Straße gelandet. So steht sie in seiner Schuld und muss seine illegalen Geschäfte decken. Und ich stehe in ihrer Schuld. Und der Halunke Ed hat sich damals eine goldene Nase an mir verdient, weil er mich richtig eingeschätzt hatte. Deshalb nennt er mich auch seinen Goldjungen und versorgt mich ab und zu mit ein paar Tipps, die mich über Wasser halten. Ed bietet, wie auch die legalen Buchmacher in der Stadt, Körperwetten an. Nur sind die Deals bei ihm riskanter und manchmal auch lukrativer. Bei Körperwetten setzt man auf das Gewicht der Bewohner von Ketocity. Man kann darauf zocken, dass es jemand schafft und abnimmt oder es nicht schafft und wieder zunimmt. Wenn jemand ein bestimmtes Zielgewicht zu einem festgelegten Termin erreicht, ist das ein Strike und verdoppelt den Gewinn. So einfach ist das.
„Quote eins zu hundert. Strike 95 an Weihnachten. Aktuell 87“ Ed sieht mich herausfordernd an. Eins zu Hundert! Eine solch hohe Quote hat es noch nie gegeben. Das bedeutet, für jedes Kilo bekäme ich den hundertfachen Einsatz zurück. Wenn der Gegenstand der Wette bis Weihnachten 95 Kilo wiegt, dann nach einmal das Doppelte. Ich traue meinen Ohren nicht. „Du spinnst!“ Das Wiesel schaut mich beleidigt an. „Glaub mir. Das will noch keiner wahrhaben. Deshalb auch die Quote. Aber ich sehe eine riesige Chance. Da könntest du auch wieder bei der Katze landen, mein Guter.“ Dar war es schon wieder, dieses glühende Stechen in meinen Eingeweiden. Ich sehe ihm tief in die Augen. Er weicht nicht aus. Er merkt, dass er mich fast am Haken hat. „Um wen geht es denn?“ Er kichert. „Da kommst du nicht drauf. Es ist Rubikscube!“ Er gibt ein hässliches Lachen von sich, greift zielsicher in meine Manteltasche und entwendet mir den Hunderter der Blondine. „Das ist Unsinn!“, belle ich ihn an und in mir steigt die Wut hoch. Ich packe das Wiesel am Kragen, hebe ihn hoch und pinne in an die Wand. Mir fällt auf, wie leicht er ist. Ed müsste schon lange nicht mehr hier sein. Er bleibt nur in Ketocity, um uns ehrenwerte Bürger auszunehmen. Was er gerade gesagt hat, ist unmöglich. Wie die halbe Stadt habe auch ich einen Wettschein auf Rubikscube in der Tasche. Er ist eine der Ikonen hier und kann nicht versagen. Die Wette wird mich zwar nicht reich machen, aber für ein oder zwei Monate werde ich versorgt sein. Ich bin mir sicher, den Gewinn in den nächsten paar Wochen einstreichen zu können. Er ist der Inbegriff des Durchläufers. Als er vor ein paar Monaten in der Stadt ankam, wog er 104 Kilo. Er legte sich eine Strategie zurecht und hat sich immer daran gehalten. Anderen hat er immer Mut gemacht und geholfen. Bald würde er sein Ziel erreicht haben und die Stadt verlassen oder als Ehrenbürger bleiben. Dann habe ich gewonnen. Das weiß ich, das weiß er, das wissen alle. Ich drücke vor Wut so fest zu, dass das Wiesel fast keine Luft mehr bekommt. „Du spinnst! Keiner wettet gegen den Würfel. Du hast selbst zugegeben, dass er ein Durchläufer ist!“ Ed zappelt und ich lockere meinen Griff. Ich merke, wie albern ich mich benehme und lasse ihn zu Boden. „Entschuldige Ed!“ „Krächz. Ist gut. Ich hatte nur gesagt, dass er vielleicht einer ist.“ belehrt er mich. „Aber ich habe nie eine Wette auf ihn angeboten, oder? Komm, ich erkläre es dir!“
In der nächsten halben Stunde lerne ich viel über Charts und Psychologie. Ed hat die Gewichtskurve des Würfels auf ein Papier gemalt und noch einige Linien dazu. Er sagt die fette Linie wäre die Ziellinie des Würfels. Die Ziellinie würde überhaupt nur einer von hundert erreichen, weil die meisten schon vorher für sich beschließen, dass sie es ja eigentlich geschafft haben und weich werden. Irgendwann verlieren sie das Ziel dann aus den Augen und es geht wieder aufwärts. Ich seufze und Ed grinst mich an. Ich war für ihn ein Standardposten und absolut transparent in meinem Verhalten. Ich frage ihn nach der schrägen Linie, die über der Gewichtskurve liegt und mit dieser fällt. Er sagt, dass das der Trend ist. Wenn man mal schwach wird, dann geht das Gewicht kurz nach oben. Aber wenn man sich dann wieder fängt, schadet es dem Trend nicht. Die Gewichtskurve des Würfels ist jetzt kurz davor den Trend zu brechen. Das sehe ich auch. Ich weiß aber nicht, was es bedeutet. Er erklärt mir, dass diese einfache Darstellung seit über hundert Jahren an der Börse funktioniert. Man sieht ihrer Einfachheit nicht an, welches Drama sich jeweils dahinter abspielt. Und es ist für die Psyche der handelten Personen kein großer Unterschied, ob jemand um sein Gewicht oder seine Firma kämpft. Nur, dass die Kurve des Würfels eigentlich auf dem Kopf steht. Das Wiesel erklärt mir auch, dass Menschen immer dann die meisten Fehler machen, wenn sie den Zenit erreicht haben. Sie wähnen sich dann in Sicherheit und denken sie wären unbesiegbar und müssten sich nicht mehr engagieren. Wenn sie dann die ersten Anzeichen der Konsequenzen bemerken, korrigieren sie schnell, indem Sie mit ihren alten Methoden und Tugenden antworten. Das funktioniert auch zunächst und sie erreichen ihren Zenit wieder oder übertreffen ihn sogar. Das wiegt sie dann aber noch mehr in Sicherheit und deshalb machen Sie wieder Fehler. In diesem Zickzack verlassen sie den Trend. Immer noch denken sie, sie können durch ein bisschen Anstrengung zurück auf den Zenit, aber es klappt dann nicht mehr. Es folgt der freie Fall. Gelegentlich wird der durch ein Aufbäumen unterbrochen, aber nur vorübergehend. Dem Erschrecken folgen dann das Entsetzen und schließlich die Verzweiflung. Und bevor die nicht überwunden ist, kann es keine Trendwende mit neuer Motivation geben. So läuft das Spiel.
Ed meint noch, dass er so einen riskanten Deal mit einem älteren Bewohner nicht machen würde, der das schon mal mitgemacht hat. Und wieder grinst er mich an. Aber beim Würfel sieht er kein Risiko. „Du wirst sehen, wie schnell das bei dem geht“ sagt Ed noch, während ich mich langsam umdrehe und mit schwachen Beinen auf die Tür zugehe. Mir ist schlecht geworden und die Selbstverständlichkeit mit der Ed seine Weisheiten predigt k* mich an. Resigniert frage ich ihn noch, ob der Würfel denn überhaupt eine Chance hätte. Er zuckt mit den Schultern. „Klar. Aber dann müsste er sich der Gefahr bewusst sein. Da sein altes Ziel nicht mehr taugt, bräuchte er ein neues. Zum Beispiel 76 Kilo erreichen und 10 Kilometer in 50 Minuten laufen. Das würde ihn wohl retten. Aber mach dir keine Sorgen um ihn. Der ist noch jung. Die Ziele setzt der sich dann in zehn Jahren.“ Als ich nach der Türklinke greife, hält Ed mich am Arm fest. „Wenn du nur auf Durchläufer setzen willst, dann habe ich noch was für dich. Sie ist noch nicht lange in der Stadt. Der Mann ist auch dabei und zwei Katzen. Wird etwas dauern, aber ich bin sicher das klappt.“ Ich bedanke mich und verspreche es mir zu überlegen.

Ich bin froh, wieder in der Gasse zu stehen. Die Stadt scheint den Atem anzuhalten. Es hat aufgehört zu regnen. Mit Bunnys Angelegenheit bin ich heute nicht weiter gekommen. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht findet sich die Lösung bei ihr von selbst, wie so oft bei den jungen Leuten.


Fortsetzung folgt

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Alt 27.11.2005, 13:07   #4
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Episode 2 – Willkommen in Ketocity

Der Neugeborene sieht mir direkt ins Gesicht. Seine Körperhaltung ist erwartungsvoll gespannt. Seine Augen spiegeln das ferne Licht der Theke in der „Schwarzen Katze“ wieder. Wie so oft schon in den vielen Wochen, die seit damals vergangen sind, habe ich den unbequemen Stuhl meines schäbigen Büros gegen den Platz in der dunklen Nische getauscht. Obwohl meine Depressionen an diesem Ort für gewöhnlich ziemlich schlimm werden, zieht mich doch ein starkes Band aus der Vergangenheit immer wieder hierhin zurück.
Der Junge heißt Tom und ist gerade mal eine Woche alt. Eigentlich wollte ich ihn sofort wieder wegschicken, als er schüchtern auf mich zukam und mich bat, die Geschichte der „Befreiung“ zu erzählen. Ich war dann doch einverstanden, weil ich vielleicht irgendwann beim Erzählen die Lösung für das Logikpuzzle meines Lebens finde und weil ich schlicht das Geld brauche. Mehr als ein Taschengeld gibt es für das Pflegen und Sichkümmern zwar nicht, aber in meiner derzeitigen Lage kann ich mir Eitelkeiten nicht erlauben. Die Glücklicheren machen den Job ehrenamtlich.

„Also erzähle ich dir die Geschichte vollständig und von Anfang an“, beginne ich, während am Tisch neben uns eine fette Frau keuchend kollabiert. Vor ein paar Minuten noch hatte sie völlig normal ausgesehen und sich angeregt unterhalten. Als die Martinshörner näher kommen, denke ich nur kurz, dass sie wohl noch eine Chance hätte. „Stimmt!“, bemerke ich, als die blauen Uniformen in das Lokal stürmen. Ich wende mich wieder Tom zu, der das Geschehen sichtlich verstört verfolgt.

Ich fahre fort. „Du wirst dann auch verstehen, warum ich diesen Job mache, der mich langsam aber sicher fertig macht.“ Als die Frau auf die Bahre geschnallt und eilig aus der „Schwarzen Katze“ hinaus geschafft wird, schaut er noch lange wie hypnotisiert auf die Eingangstür, bevor sein Blick zögernd zu mir zurückkehrt. Die meisten Gäste scheinen den Vorfall bereits vergessen zu haben. Der Geräuschpegel ist wieder normal für diese Tageszeit. Ich nippe an dem Drink, den Tom mir spendiert hat. Nur wenn die Uniformen schwarz sind, ist das ganz schlecht und dann regen sich die Alten auch schon mal auf.

„Wie auch du, bin ich in einem Hotelzimmer geboren worden und habe mich erst mühselig zurechtfinden müssen.“ Nichts hatte am Anfang gepasst und überhaupt nichts einen Sinn ergeben. Dem Erschrecken über die unbekannte Umgebung folgte das Entsetzen darüber, dass es offensichtlich gar keine andere Umgebung vorher gegeben hatte oder mein Verstand mir die Erinnerung an eine Vergangenheit verweigert. Das war ein Schock gewesen. Aber so ergeht es nun einmal allen Bewohnern von Ketocity bei der Geburt.

„Warum ging es so schnell bei der Frau“, unterbricht Tom mich unvermittelt. „Ach das. Die Sanitäter sind immer schnell. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn die rumtrödeln würden“, antworte ich und will in meiner Erzählung fortfahren. Aber Tom ist nicht zufrieden mit meiner Antwort. „Ich meine, warum ist sie so schnell fett geworden. Kann mir das auch irgendwann passieren?“, fragt er. Ich beuge mich zu ihm und winke ihn näher zu mir heran. „Siehst du den da an der Theke?“, frage ich ihn. Natürlich sieht Tom den durchtrainierten Mann auf dem Barhocker, der sich einen harten Drink nach dem anderen bestellt und in einem Zug leert. Jedes Mal, wenn Shelley ihm sein Glas auffüllt, zieht eine Spur von Wärme über ihre sonst kühlen Züge. Ich seufze und das unangenehme Gefühl in meinem Bauch ist wieder da. „Das ist Samba. Samba kann dir fast alles besorgen, wenn du genug Geld hast“, sage ich. „Etwa auch High-Carbs?“, fragt Tom neugierig. „Pssssst!“, ich sehe in vorwurfsvoll an. „Süßigkeiten kriegst du von jedem Dealer an der nächsten Ecke. Ich meine anderen Stoff. Hast du schon mal von Carb-Blockern gehört?“, er verneint und ich flüstere weiter: “ Wenn du die nimmst, kannst du Süßkram ohne Ende essen. Du wirst nicht fett und deine Quote in der Zeitung bleibt auch stabil. Keiner merkt was davon. Aber du brauchst immer mehr von dem Zeug und irgendwann funktionieren sie nicht mehr oder deine Knetos sind alle. Dann passiert, was du eben gesehen hast. Sei also auf der Hut!“, warne ich Tom und will endlich in meiner Geschichte fortfahren.

Ich erzähle ihm, wie ich mein Hotelzimmer untersucht hatte und von dem Kleiderschrank, der nur identische graue Anzüge und Wäsche enthält. Identisch ja, aber alle in verschiedenen Größen! Der kleinste Anzug hatte sofort gepasst. Heute trage ich einen aus der Mitte der Stange. Tom unterbricht mich und zeigt auf sein Outfit: Jeans, T-Shirt und Stoffjacke. Er sagt, dass er darüber froh wäre, und dass er mir die Sachen in den anderen Größen schenken möchte, weil er sie sowieso nicht brauchen wird. Er wäre immer so konsequent.
Ich lächele milde und sage „Denkst du? Ich würde mich wundern, wenn nicht in diesem Moment deine Hose enger sitzt. Überheblichkeit ist einer der Kardinalfehler in der Stadt.“ Er greift unter den Tisch, wohl um sich unauffällig in die Taille zu kneifen und schaut mich entsetzt an. Seine Nase ist ganz weiß geworden. „Mach dir noch keine Gedanken!“, beruhige ich ihn, „Du darfst Fehler machen, ein paar jedenfalls!“ Ich greife nach meiner Zeitung und blättere zu den Quoten. Meine Augen heften sich einen Moment auf den Leitartikel: „Orca ohne Gegenstimme zum neuen Bürgermeister gewählt“. Die Meldung war vorhin noch nicht da gewesen. Überrascht bin ich schon etwas, aber angenehm. Wie viele wünsche ich mir, dass sich einiges in der Stadt verbessert. Viele sagen, es ginge uns ohne Korruption und Vetternwirtschaft deutlich besser. Vor allem die Vergütung für Informationsarbeit sollte großzügiger sein, finde ich. „Tannie…Todd…Toma…“, mein Finger folgt einer der eng gedruckten Spalten mit den Quoten, „…Tom! Da bist du. Aktuell 102 kg, Ziel 65 kg. Unverändert!“ Ich sehe zu Tom hinüber. Er ist ein Mann mittlerer Statur und bestimmt eins achtzig groß. „Du siehst nicht aus wie 65 kg“, bemerke ich und ermahne ihn: „Solltest wirklich dein Ziel überprüfen. Ob es auch realistisch ist. Sonst bist du Futter für die Buchmacher! “

Ich erzähle endlich wieder die Geschichte weiter. Da Tom tagsüber geboren worden ist, hatte er sich erst einmal in der Stadt umsehen können. Deshalb weiß er schon, dass Ketocity auf einer Insel in einem wohl endlosen spiegelglatten See liegt und dass man bei schönem Wetter die kleinere Insel des Sperrbezirkes am Horizont erkennen kann und auch manchmal eine der Fähren, welche die fast Gescheiterten dorthin bringen und die hoffnungsvollen Geheilten wieder zurück. Er hatte sich verlaufen und war sogar am Rim gelandet. Dort, wo die Welt zu Ende ist und weder Land noch Wasser existieren. Das hat ihn dann schon mitgenommen. Um diese Jahreszeit geben viele die Hoffnung auf eine glückliche und schlanke Existenz für immer auf und steigen freiwillig durch das Rim ab. Vor diesem Anblick ist er zum Glück verschont geblieben.

Ja, und dann wollte er auch noch ins KetoFit. Aber Betty, die Studioleiterin hat sich seine Beteuerungen erst gar nicht angehört. Ein Kontrollgriff an den Oberarm, keine Muskeln in nennenswertem Umfang vorhanden…und draußen war er wieder. „Komm wieder, wenn du Muskeln hast“, hat sie ihm nachgerufen. Aber dazu müsste Tom zu allererst seine Einstellung ändern und nicht nur einfach schlank und dürr werden wollen. Tom hat ziemlich lichtes Haar und graue Schläfen. Meine Erfahrung sagt mir, dass das nichts wird mit dem Sport. Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Das ist wohl sein Problem. Jeder muss selbst sehen, wo er hin will und wie er klar kommt.

„Was ist?“, fragt Tom. „Nichts.“, lüge ich. „Ich musste gerade an die dicke Frau denken, die mir an meinem Geburtstag mein persönliches Exemplar des Keto Kuriers verkauft hatte. Die war immer dick gewesen und das hat sich auch nie geändert. Sie soll trotzdem sehr glücklich gewesen sein. Und eines Tages ist auch sie verschwunden.“ Dallas sagt, sie wäre wohl am Rim von „Ihnen“ abgeholt und nach oben begleitet worden und dass es nicht immer nur auf den Zustand des Körpers ankommt, sondern auf den Bewohner in seiner Gesamtheit. Ich halte das aber für etwas abgefahren, obwohl sie viele Dinge weiß. Vielleicht verstehe ich einfach nicht genug davon. „Am Rim abgeholt werden sonst doch nur die Durchläufer?“ fragt er. „Ja, wenn Sie bereit sind, Ketocity zu verlassen. Sie dürfen selbst entscheiden, wann sie gehen. Wer bleibt, verdient jeden Monat 5000 Knetos“
„Welcher Konfession gehörst du an?“, fragt er mich unvermittelt. Ich zögere kurz, denn es erscheint mir unangemessen, mich in meiner derzeitigen Verfassung offen zu meinem Glauben zu bekennen. Er versteht mein Zögern als Ablehnung und sieht verlegen auf den Tisch. Gleich wird er sagen, dass es ja nicht so wichtig ist. Aber ich antworte doch: „Ich lebe nach den Schriften des heiligen Worm. Ich kann leider nicht behaupten, einer seiner standhaftesten Jünger zu sein. Du bist ein Atkinsianer, wie die meisten hier. Das erkenne ich sofort!“ Hoffentlich war das Thema Religion damit erledigt. Es spielt im täglichen Leben sowieso keine große Rolle.

Wir schweigen eine Weile und ich lasse meinen Blick durch die Bar schweifen. Shelley sitzt nun selbst am Ende der Theke auf einem der eisernen Barhocker und raucht Kette. Von meinem Platz aus kann ich ihr Gesicht nicht sehen aber ich ahne doch ihren unbeschreiblich melancholischen Blick an einen Ort, der sowohl räumlich als auch zeitlich weit von hier entfernt liegen muss. Zu ihren Füßen sitzt Ishtar, die schwarze Katze, die auf fast unheimliche Art mit Shelley verbunden zu sein scheint. Deshalb wird Shelley auch selbst die „Schwarze Katze“ genannt. Die Bar hatte Wolfi nach Shelley auch „Schwarze Katze“ genannt. Beeindruckt hatte er die kühle Frau der vielen Haarfarben damit nicht. Man munkelt, er habe zum Schluss „Shelley“ geschrien und sei dann noch aus eigener Kraft in das Rim gesprungen. Jedenfalls ist er nun Geschichte… wie so viele vor ihm und wie so viele nach ihm. Geschichten von Verlierern, die in Ketocity niemanden hören will.

Shelley reagiert nur mit einem kurzen Blick und einem verabschiedenden Lächeln, als Beastmaster die Bar verlässt, um nach Hause zu seiner Kidimisa zu gehen. Mich hat Beastmaster in der Nische nicht bemerkt. Er ist wohl für eine Zigarette in die Bar gekommen, weil er zuhause nicht mehr rauchen darf. Ich bin froh, Kidimisa und Beastmaster weiterhin zu meinen wirklich engen Freunden zählen zu dürfen. Gerade die Gespräche mit der energischen kleinen Frau haben mich bestimmt vor einem schlimmeren Schicksal bewahrt. Während sie mir regelmäßig mit liebevollen aber deutlichen Worten meine kindischen Thesen austreibt, sitzt Beastmaster normalerweise mit leicht geschlossenen Augen bei uns und träumt lächelnd von einer anderen Welt. Meist kommt er irgendwann zu sich und diskutiert mit oder aber er beginnt mit aufgeregter Stimme und einem Leuchten in seinen Augen von der anderen Welt zu erzählen. Das ist meist wirres Zeug. Er erzählt dann, wie phantastisch es doch sei, dass er mit Kidi in mehr als nur einer Welt zusammen ist und sie in der anderen Welt sogar „verheiratet“ wären.

Beastmaster erzählt gerne von seinen Träumen und ich höre ihm genauso gerne zu. Von meinen eigenen Träumen erzähle ich nicht. Als ich noch jung war, hatte ich einmal eine Familie erwähnt. Aus Höflichkeit gab es keine Rückfragen. Mein Glück, denn ich hätte nicht mehr dazu sagen können. Der Gedanke an die Familie kommt regelmäßig aber ich kann ihn nicht fassen. Wenn ich zuviel darüber grübele, träume ich nachts nur von Katzen. Da lasse ich das lieber. Andere erzählen von irgendwelchen Haustieren, können aber auch nicht erklären, was das denn sein soll. Es gibt nur uns und die Katzen. Beide haben die Schöpfer aus einem nur ihnen ersichtlichen Grund erschaffen. Manche fürchten, die Katzen beobachten uns und berichten den Schöpfern von uns. Aber das ist Unsinn. Wir müssen die Katzen achten, dann behüten uns die Katzen. So liegen die Dinge.

Grikeyp denkt übrigens, dass es nicht einfach nur Träume sind. Sie stellt sich vor, dass wir mit Wesen in anderen Welten verbunden sind. Manche dieser Wesen wären unbeherrscht und wild und müssten in einer feindlichen Umgebung ums tägliche Überleben kämpfen. Die Schöpfer hätten sie längst aufgegeben, weil sie die heiligen Schriften nicht verehren. Diese Wesen müssten durch sexuellen Umgang miteinander neue Wesen selbst erzeugen, weil nämlich die Schöpfer keine Wesen mehr schicken. Und unsere Neigung zum anderen Geschlecht hätte dort ihren Ursprung und wäre nicht bloß ein Geschenk und eine Prüfung der Schöpfer. Ich achte Grikeyp sehr und ein nicht kleiner Teil der Bewohner glaubt an solche Dinge. Es ist aber Unsinn. Doch ich sage nichts. So verhält man sich in Ketocity.

Einmal jedoch hatte ich mit voller Absicht nicht geschwiegen und diese Etikette gemein verletzt. Ed wollte einfach nicht aufhören, mich mit einer Wette zu nerven und beschwor mich unablässig, wie sicher die Sache doch sei, weil er ja Börsenmakler ist. „Börsenmakler…Ed, was ist ein Börsenmakler?“, hatte ich ihn gefragt und mich an seiner Qual geweidet. Zuerst sah er aus als antwortete er sofort, aber dann stockte er und in seinem Gesicht fing es an zu arbeiten. Als er sich verzweifelt von mir abwandte, kam ich mir doch ziemlich schmutzig vor, obwohl Mitleid bei Ed nicht angebracht ist. In der folgenden Zeit hielt Ed mich des Öfteren auf, weil ihm noch etwas eingefallen wäre: Börsenregeln, Technische Indikatoren und so weiter. Er war offensichtlich ärger betroffen, als ich das in meinem kurzen Anflug von Sadismus beabsichtigt hatte. Da habe ich endgültig begriffen, dass wirklich jeder Bewohner sein darf, wie er will und was er will, solange er nicht die Regeln der Stadt verletzt.

Nun, Kidi und Beastmaster sind wirklich etwas Besonderes. Ich erinnere mich an kein anderes Paar, das je zusammen in eine Wohnung gezogen wäre. Da hatten wir beim Umbau helfen müssen. Ich mag mir das gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn jemand in einer gemeinsamen Wohnung plötzlich abwesend geht. Legt man ihn dann ins Bett oder schiebt man ihn an die nächste Wand und stellt ihm einen Blumentopf in den Schoß? Wie weiß man, wie lange er abwesend sein wird? Nichts für mich! Das ist sowieso eine sehr rätselhafte Sache mit dem abwesend gehen. In meinem Freundeskreis kenne ich niemanden, der das schon einmal gemacht hätte und auch ich bin noch nie abwesend gegangen. Aber es soll auch nicht möglich sein, sich selbst daran zu erinnern.

Mein Gegenüber habe ich mittlerweile fast vergessen, weil er sich lange nicht mehr gerührt hat. Ich räuspere mich und merke erschrocken dass er doch tatsächlich in meiner Gegenwart abwesend gegangen ist. Er glotzt mit starren Augen in meine Richtung und sitzt zusammengesunken auf dem Stuhl. Das ist obszön und streng verpönt! An einem öffentlichen Ort darf man nicht abwesend gehen. Hoffentlich komme ich trotzdem zu meinem Geld. Ich hätte früher merken sollen, dass mit diesem Tom etwas nicht stimmt. Während des Gesprächs hatte sich die Vertrautheit zu Tom kaum verstärkt. Das ist an sich schon sehr ungewöhnlich und hätte mir eine Warnung sein müssen. Nach einer gewissen Zeit im Gespräch muss man einem Einwöchigen nicht mehr alles erzählen, weil er einen selbstverständlich in der Vergangenheit besucht. Aber das hatte der wohl nicht nötig! Ich erinnere mich jedenfalls nicht an einen Besuch von Tom in der Vergangenheit. Wahrscheinlich ist er die ganze Woche den Bewohnern nur mit seinen Fragen auf den Geist gegangen und hat sich überhaupt keine Mühe gegeben. Man sollte allen Neuen die Verhaltensregeln in ihre Zeitung schreiben.

Ich klemme meine Zeitung unter den Arm und stehe auf. Die Bar ist mittlerweile verlassen. Auch Samba ist nun fort. Er hatte noch eine Weile mit einer Gruppe Halbjähriger zusammen gesessen. Die waren doch ziemlich nervös gewesen und mindestens einer hatte immer verstohlen zur Eingangstür gesehen, so als ob die Ketopolice jeden Augenblick die Bar stürmte. Ich nehme an, Samba hat ihnen irgendetwas Halblegales angedreht oder sie sonst irgendwie ausgenommen. Später hatte ihn dann Betty abgeholt.

Ich gehe bis zum Tresen und bleibe ein paar Schritte entfernt von Shelley stehen. Ishtar beobachtet mich aufmerksam. Shelley nimmt keine Notiz. Die langen scharfen Fingernägel kratzen spielerisch über den Rand eines massiven Aschenbechers. Ich denke einen Moment, sprühende kleine Funken zu sehen, aber das liegt sicher am Licht. Da sie mich weiterhin ignoriert, wende ich mich zum Gehen. „Du hast nicht soviel Glück gehabt heute.“, sagt sie leise. „Hoffentlich wirst du bezahlt.“ „Ja, vielleicht!“, antworte ich. „Morgen frage ich in der Verwaltung nach. Lässt du den da abholen, bevor er die Gäste vergrault?“ Ich zeige auf Tom. Sie nickt verträumt und schweigt eine Weile. Als ich schon denke, dass dieses Gespräch nun beendet ist, fragt sie: „Hast du Bunnys Freund finden können im Sperrbezirk?“ Ich erzähle ihr kurz, dass ich drüben war, den bleichen jungen Mann aber nicht habe finden können. Weder in Ketocity noch im Sperrbezirk war er in letzter Zeit gesehen worden. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu…

Ich bin gerne in Shelleys Nähe, aber die Traurigkeit ihrer Stimme und meine Traurigkeit, wenn ich daran denke, wie es früher war, ist nicht lange zu ertragen. Ich klemme mir meine Zeitung, die ich seit meinem letzten Ausflug in den Sperrbezirk wieder ständig bei mir trage, fester unter den Arm und denke, ich werde nun endlich gehen. Doch es passiert etwas völlig Unerwartetes. Ishtar, die mich für gewöhnlich vornehm ignoriert und mir sogar ausweicht, springt mit einem eleganten Satz auf den Tresen und kommt auf mich zu. Ihre lasergrünen Augen fixieren mich, während sie sich schnurrend an meinem Arm reibt. Ich bin verwirrt und beginne automatisch, sie zu streicheln. Das lässt sie sich eine Weile gefallen, dreht sich dann aber um und geht zwei kleine Schritte auf Shelley zu. Die beiden sehen sich lange an. Dann sieht Shelley mich lange an. Ihr Blick ist nicht mehr in die Ferne gerichtet, sondern direkt auf mich. Ich glaube, wieder Wärme und Verständnis in ihren Gesichtszügen sehen zu können. „Du siehst wirklich schlecht aus!“, sagt sie mit unsicherer Stimme und kommt auf mich zu, um irgendetwas mit meinem Kragen anzustellen. „War es schlimm dieses Mal?“ Besorgnis schwingt deutlich in ihrer Stimme mit. „Ich kann das vielleicht noch ein oder zweimal machen.“, antworte ich mit belegter Stimme. „Damit scheitert dann auch meine Wiedergutmachung und du kommst nie von hier weg!“, sage ich schuldbewusst und resignierend. Ich kann es nicht fassen, als sie mich kurz drückt und mit fröhlicherer Stimme sagt: „Wir wollten immer gemeinsam hier weg! Schon vergessen? Doch den einen Weg gibt es nun nicht mehr. Es ist aber nicht wichtig, da es einen anderen Weg geben wird!“ Ich kann meine Empfindungen in diesem Moment nicht beschreiben… Wir sitzen noch lange schweigend zusammen. Keine Traurigkeit, keine Verzweiflung und keine schwermütigen Gedanken mehr. Ishtar schweigt auch. Sie schläft zusammengerollt zu Shelleys Füßen, nachdem sie mir deutlich gemacht hat, dass sie mich nun wieder ignorieren wird. Ich verlasse die Bar erst am frühen Morgen und muss meine übergroße Hose am Gürtel festhalten, um sie nicht zu verlieren. Die Zeitung habe ich bei Shelley vergessen. Unwichtig im Augenblick. Shelley hat noch niemals ihre Zeitung gelesen. Sie sagt, die Neuigkeiten erzählen die Gäste und alles andere weiß sie einfach so.

Ich ahne, ich werde diese Nacht wieder von Katzen träumen, aber heute macht es mir nichts aus. Die Träume gehören zu unserer Natur, wie die allgegenwärtige Melancholie. Beim einen sind sie stärker, beim anderen schwächer.

***

Als ich am nächsten Tag die Verwaltung verlasse, wartet am Fuß der Treppe eine getigerte Katze auf mich. Das kommt mir insofern merkwürdig vor, weil ich erst vor wenigen Stunden zum ersten Mal eine Katze berührt hatte. Nur wenige Bewohner können sich Katzen überhaupt nähern. Normalerweise weichen Katzen einem aus.
Ich gehe in die Hocke und strecke vorsichtig meine Hand aus, um sie zu kraulen. Ich kenne die Katze gut. Ihr Name ist…nein, er fällt mir nicht ein und ich habe sie auch noch nie zuvor gesehen.
Als sie mich beißt, ziehe ich erschrocken meine Hand zurück. Zum Glück hat sie mich nicht verletzt. Mittlerweile ist sie zehn Meter weit weg gesprungen und wartet auf mich. Ich soll ihr folgen. Sie führt mich an das menschenleere Ufer des Sees. Dort sitzen viele Katzen und blicken hinaus auf den See. „Ihr spürt auch die Gefahr.“, sage ich ruhig. Meine besten Freunde und ich sind auch besorgt. Aber die offizielle Verlautbarung ist, die Schöpfer hätten das Phänomen nicht ohne Grund geschaffen und es bestehe deshalb auch keine Gefahr. Die anfängliche Aufregung hatte sich schnell gelegt und nun gehört es zum Alltag. Es ist auch noch niemand fett davon geworden.
Das Phänomen ist eine kegelförmige trübe Wolke, die träge rotiert. Seit ich das letzte Mal hier war, ist sie gewachsen. Noch schwebt sie weit draußen auf dem See.
Die Freisetzung der Wolke ist der weniger rühmliche Teil unseres Befreiungsabenteuers. Aber das ist eine ganz andere Geschichte…

Fortsetzung folgt

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Alt 28.11.2005, 19:24   #5
xxl
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Wer hat meine Knetos?

Es ist ein eiskalter Dienstagnachmittag und die Straßen sind verschneit und die Menschen in dicke Jacken und Mützen verhüllt, so dass man kaum ihre Nasenspitzen sieht.
Eilig rennt Grikeyp in die „schwarze Katze", die um diese Zeit ungewöhnlich leer ist.
Shelley sitzt hinterm Tresen und schaut nicht einmal hoch, als die Tür zuklappt.
„ Jemand hat mein Knetokonto geplündert und die Ketopolice ist dafür nicht zuständig, " sagt Grikeyp unüberhörbar und schaut fragend zu Shelley.
„Beruhige dich, du bist nicht die Einzige" antwortet sie knapp. "In einer Stunde kommt der Detektiv, der kann dir mehr dazu sagen." Dann geht die schwarze Katze in ein Nebenzimmer.
Grikeyp setzt sich und überlegt. Eigentlich wollte sie noch so viel erledigen heute, den Mietvertrag unterschreiben, zur Verwaltung hätte sie gemusst, aber ohne Knetos und verabredet war sie auch noch.
Den ganzen Tag hatte sie schon so ein mulmiges Gefühl, nur wenn dieses Gefühl sie selbst betrifft, konnte sie es noch nie deuten.
Am liebsten würde sie jetzt aus lauter Frust in eine dieser Food Center im Sperrbezirk gehen, aber es ist keine Lösung und nicht erlaubt.
Aufgeregt trommelt sie mit ihren Fingern auf den Tisch als Samba sich ans Ende des Tresens stellt und nach Shelley ruft „Hey Süße, ich hab Durst." „Wie immer?", fragt sie beim Hereinkommen. „Wie immer!", er drückt sie ganz liebevoll, dann nimmt er das Glas und trinkt es aus wie ein Verdurstender. „Bleibst du heute länger?", fragt sie. Er dreht sich um, murmelt nur was von „geschäftlich" und geht in Richtung des sich in der Zwischenzeit gefüllten großen Stammtisches.
Grikeyp spürte, dass die beiden etwas Besonderes verbindet. Kennen sie sich aus einem anderen Leben?
Endlich kommt der Detektiv herein und schaut zu Shelley, die in Grikeyps Richtung nickt. Die Beiden scheinen sich wortlos zu verstehen.
Er hängt seinen Mantel über den Stuhl, begrüßt Grikeyp, setzt sich und sie sprudelt auch gleich drauf los „keine Knetos... nichts... weiß nicht.. Police."
„Nun mal langsam... Ich kenne die Problematik". Sie hört aufmerksam zu.
„Wenn die Ketopolice sich nicht zuständig fühlt, dann lügt sie. Da ist sicher wieder einer geschmiert worden. Wenn die Neulinge keine Erfolge mehr haben und auch keine Knetos, dann gehen sie an die Anlegestelle zu den Zuträgern, die dann versprechen gegen Kredit zu helfen um wieder Low Carb Blocker zu kaufen. Das hilft zwar eine Weile, aber das Problem ist die Rückzahlung und dann fordern sie Namen ein von denen die schon länger in Ketocity wohnen und folglich auch ein gefülltes Konto haben. Erst gestern habe ich einem Bewohner helfen können". Erleichtert lehnt sich Grikeyp zurück. „Morgen habe ich dein Problem gelöst, und das mit der Verwaltung kläre ich auch. „Geh’ erst mal nach Hause und schlafe dich aus"
Sichtlich erleichtert verabschiedet sie sich.

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Alt 29.11.2005, 09:15   #6
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Tage wie dieser

Ich hasse Tage wie diesen, Kopfschmerzen plagen mich!
Ich brauche dringend eine Pause.
Eigentlich hatte der Tag so schön harmlos angefangen. Psychologe in
Ketocity ist kein Zucker schlecken – ähem Steak essen.

Erst kam „Immn“ (Ich-mag-mich-nicht). Als er in Ketocity geboren wurde,
stand bei seiner Taufe wohl jemand auf Kriegsfuß mit den Vokalen. Er
besitzt zwei stark gegensätzliche Persönlichkeiten. Er selbst beschloss nach
einigen Monaten, sich in „Ifmt“ (Ich-finde-mich-toll) umzubenennen, was
die Aussprache nicht gerade vereinfachte. Man kann schon von Weiten
seine Tagesverfassung erahnen und so haben es sich die Bewohner
angewöhnt, ihn entsprechend seinem Gemühtszustand mit „Im“ oder „If“
anzusprechen. Zu mir kommt er leider immer nur als „Im“.

Heute war also mal wieder einer der schlechten Tage in „Ims“ Leben. Mit
zerzaustem Haar, unrasiert und starken Rändern unter den Augen kam er,
völlig in sich zusammen gesackt, in meine Praxis. Er gestand mir, sich in
den letzten 3 Tagen immer wieder im Sperrbezirk herumgetrieben zu
haben, um dort einen Dealer zu treffen, der ihm dann für teure Knetos
täglich eine 200g-Portion Hihgcarbs verkauft hat. Das Ergebnis: Er ist
abgebrannt bis auf den letzten Kneto und weiß nicht wie es nun weiter
gehen soll. Na toll, mal wieder eine Beratung aus reiner Menschenliebe!
Auf mein Kneto-Honorar werde ich dann wohl warten müssen, falls ich es
überhaupt mal zu sehen bekomme.
Nach dem ich ihn ein wenig zusammengefaltet und wieder hochgepäppelt
hatte und ihm anschließend meine gestundete Honorarechnung zum
Gegenzeichnen entgegenhielt, unterschrieb er doch glatt mit „Ifmt“. Na
offensichtlich hat es wenigstens für den Moment was genutzt, für den Rest
des Tages wird er sich mal wieder unendlich toll und stark fühlen!
Ein kleines zufriedenes Gefühl macht sich auch bei mir breit.

Schnell noch ein Tässchen Kaffee geschlürft und schon klingelt der Nächste.
Oh welch Freude, es ist Jordan! Eine tolle Frau, viele in der Stadt beneiden
sie um ihr Aussehen und ihr sorgenfreies Leben. Leider ist das alles nur
Fassade, aber das wissen die Bewohner nicht, denn Jordan lässt niemanden
zu nah an sich heran, damit man nicht hinter ihr Geheimnis kommt. Im
Inneren ist sie ein sehr verletzbares und zartes Wesen, das den Sinn des
Lebens aus den Augen verloren hat. Eigentlich weiß sie gar nicht, was sie
noch in Ketocity hält, aber auf der anderen Seite würde sie all ihre
Mitmenschen vermissen, und den Alltag in Ketocity an den sie sich so
gewöhnt hat und der er ihr einen gewissen Halt in ihrem Leben gibt. Wenn
sie zu mir kommt, reden wir viel über vergangene Zeiten, in denen sie
lebenslustig war und einen großen Freundeskreis um sich scharrte. Ich
freue mich immer wenn Jordan zu mir kommt. Das ist der kleine
Augenblick in dem sie ganz und gar sie selbst sein kann, ohne jemandem
eine starke und selbstbewusste Frau vorspielen zu müssen. Ich bin mir
ganz sicher, dass sie eines Tages ihre Unsicherheit besiegen und ihre
innere Stärke zurück erlangen wird.
Leider geht diese Stunde mit ihr viel zu schnell vorbei.

Man soll es ja nicht glauben, aber ein Psychologe ist doch Beichtvater, oder
in meinem Fall Beichtmama für alles. Nicht nur psychische Probleme wollen
vertrauensvoll diskutiert werden, dank meiner (manchmal verfluchten)
Schweigepflicht, kommen die Leute auch gerne mal vorbei, um sich
vertrauensvoll etwas von der Seele zu reden.
So war mir eine kleine Pause zum Schreiben meiner Berichte gegönnt und
„dingdong“ stand Dallas aus der Verwaltung vor der Tür! „Och, Dallas grüß
Dich! Was führt Dich denn zu mir?“ „Hallo Kidimisa, kann ich rein kommen?“
„Ja aber immer doch! Käffchen?“
Während ich uns zwei dampfende Tassen Kaffe heran hole, lässt Dallas sich
seufzend auf den Sessel plumpsen und ich ahne Schlimmes. Dallas kommt
bestimmt nicht wegen eines Seelenleidens zu mir, dafür ist sie viel zu taff.
Ich ahne, mir werden gleich Dinge zu Ohren kommen, die ich eigentlich
besser nicht wissen will! Habe ich eine Wahl? Und schon geht’s los…
„Kidimisa, Du ahnst es nicht, aber was da in der Verwaltung passiert geht
auf keine Katzenhaut mehr!“
Ich ahne es nicht und von wissen wollen kann auch keine Rede sein.
Und schon geht’s weiter: „Die Jungs aus dem Einwohnermeldeamt haben
sich da eine ganz durchtrieben Sache ausgedacht. Ich kann es noch gar
nicht glauben, aber als ich auf dem Weg in die Küche an dem Zimmer der
Jungs vorbeikam, war die Türe nur angelehnt und ich hörte sie tuscheln und
da bekam ich ja schon ganz automatisch lange Ohren. – Ich meine, wer
würde da nicht hellhörig werden!? Hätten sie ganz normal miteinander
gesprochen, so hätte ich sie sicherlich gar nicht beachtet. Also nicht das
hier der Eindruck entsteht ich wäre neugierig, ne ne.“
Neeee, das kann man jetzt wirklich nicht behaupten…
Fast unmerklich schüttle ich den Kopf.
Dallas beachtet mich gar nicht und fährt fort: “Ich habe gehört wie sie über
Geburten gesprochen haben und darüber welche Namen sich wohlklingend
anhören. Das ergab keinen wirklichen Sinn. Aber was keinen Sinn macht,
muss entschlüsselt werden. Als die 2 sich also gegen 12 Uhr verabschiedeten,
um in der „Schwarzen Katze“ zu Mittag zu essen, musste ich der Sache
doch einmal auf den Grund gehen. Ich schlich in das Zimmer der Jungs und
schaute mich ein wenig um. Ich wollte ja nicht durch die Akten wühlen,
aber was so offen herum liegt, kann man sich ja mal anschauen…“
Ja kann man und muss man auch unbedingt. Steht ja meist oben drüber „Lies mich“.
Ich klimpere ein wenig mit dem Löffel in meiner Tasse, vielleicht überhöre
ich ja den Rest, es ist nicht immer von Vorteil alles zu wissen. Aber es nutzt
nichts, ich vernehme Dallas Stimme klar und deutlich.
„Kidi, Du glaubst nicht was da lag. Gefälschte Geburtsurkunden. Nachdem
ich mir den Papierstapel etwas genauer angesehen hatte, stellte ich fest,
dass die Jungs einige neue Bewohner für Ketocity haben entstehen lassen,
ohne dass es sie wirklich gibt. Und wofür? Um sich die monatlichen Knetos
auf ihr eigenes Konto einzustreichen. Ist das nicht ungeheuerlich?“
Warum eigentlich immer ich? Meine Ruhe wäre mir lieber gewesen.
Ich mache ein bass erstauntes Gesicht und sage: „Neee, das ist ja
ungeheuerlich! Wir müssen es Orca, unserem Bürgermeister, sofort
mitteilen!“ Dallas zuckt zusammen und etwas zu laut ruft sie erschrocken:
“NEIN!“ „Wie jetzt?“
„Na dann kommt doch raus, dass ich rumgeschnüffelt habe, das wäre ja
noch schlimmer!“ Da hat sie wohl Recht.
„Kidimisa, wir werden uns einen Plan überlegen müssen, wie wir den Kerlen
ihre Machenschaften vermiesen.“
WIR?
Vor Schreck schlage ich mir die gerade an den Mund gesetzte Kaffeetasse
gegen die Zähne. Ich lächle etwas gequält und nicke bedächtig: „Ja, das
müssen wir dann wohl…“
Ich glaub ich krieg Migräne!
Der Tag hatte so harmlos angefangen.


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Alt 29.11.2005, 11:35   #7
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Am Rim
Ich stand am Rim und füllte das von der Verwaltung vorgeschriebene Formular aus.
An manchen Tagen hasse ich meinen Job. Seit 14 Monaten war ich nun schon in Ketocity, mein Job bei der Verwaltung hatte Vor- und Nachteile, zum einen erfuhr man vieles was nützlich, aber manchmal auch gefährlich war, zum anderen gab es Tage wie diesen. Ich hätte gut darauf verzichten können, an einem eisigen, verschneiten Wintermorgen hier am Rim zu stehen um Pete dabei zuzusehen, wie er im Rim verschwand. Pete war seit 18 Monaten in der Stadt und wir alle hatten Wetten auf ihn abgeschlossen. Er war ein Durchläufer (dachten wir!), er startete mit einem hohen Anfangsgewicht und zeigte 15 Monate lang eine beeindruckende Leistung. Er war konsequenter als alle anderen und die Kapazität bei Fragen zu unserer Religion. Er war wie ich, Atkinsianer. Doch auf einmal ging er immer plötzlicher off und nach nur 3 Monaten (in denen er manchmal etwas von Rückkehr murmelte) war er ganz off.

Wieder einmal fragte ich mich, wie hoch die Quote derer war, die es schaffte. „Ich muss Ed mal danach fragen...“ dachte ich und füllte das Formular aus, dass das Verschwinden von Pete offiziell machte. Jetzt brauchte ich dringend eine Ablenkung, ich beschloss ins Black Cat zu gehen um mich ein wenig aufzuheitern. Als ich die Tür öffnete, sah ich das der Laden gut besucht war. Ich setzte mich an den letzten freien Platz an der Theke und Shelley nickte mir zu und fragte „Ist es vorbei?“ ich sah sie an und nickte „Ja, vorbei!“. Wie die maeisten hier, hatte auch sie Pete gut gekannt und gemocht. Kommentarlos schob sie mir meinen Tequila hin, ich trank ihn in einem Zug und sagte „Noch einmal“ Shelley grinste und füllte nach. Plötzlich verlor sich ihr Lächeln und eine Stimme flüsterte „Kleine Aufheiterung gefällig, na Dallas, wie wär´s?“ Samba war da und mit seiner langjährigen Erfahrung erkannte er sofort, das ich einen schlechten Tag hatte und vielleicht anfällig für seine Carb-Blocker war. Die Versuchung zerrte an mir und ich stellte mir vor, wie es wäre so viele High Carbs essen zu dürfen, wie ich wollte. „Nein Samba, spar dir deine Angebote für die Neuankömmlinge auf!“ sagte ich aber dann doch. Mir war die Erinnerung an Pete noch in zu guter Erinnerung, um seinem Schicksal nachzueifern.

Shelley lächelte kurz „Gut so, nur nicht vom Ziel abweichen!“. Ich sah mich um und mein Blick traf auf Betty, auf der anderen Seite der Bar. Sie war eine dunkelhaarige Schönheit von der niemand genaueres wusste. Man sagte, sie sei mit Samba zusammen, irgendwie viel es mir schwer das zu glauben, denn sie schien so ganz anders zu sein als er. Ich hatte bereits überlegt, sie vor ihm zu warnen. Vor ein paar Monaten hatte er sich an eine gute Freundin von mir herangemacht. Airbrush war eine Künstlerin, eher still und ein krasser Gegensatz zu Samba. Sie war damals gerade neu in der Stadt. Er sprach zu ihr von Liebe und verzauberte sie mit vielen schönen Worten und natürlich seinem ungewöhnlich guten Aussehen. Schneller, als es einer von Airbrushs Freunden begreifen konnte, war es geschehen. Sie war abhängig von seinen Carb-Blockern geworden. Sie dachte, sie sei kreativer und begann Bilder in dunklen und tristen Farben zu malen, die so gar nicht zu ihrer hellen und freundlichen Art passten. Es dauerte lang bis sie selbst merkte, dass die Bilder die sie unter den Drogen malte, nicht sie selbst wiederspiegelten, sondern eher durch Drogen hervorgerufene Alpträume waren. Ihre Befreiung aus der Abhängigkeit hatte sie viel Kraft gekostet, denn es dauerte bis sie zu der bitteren Erkenntnis kam, das Samba alles als ein Geschäft betrachtete. Diese Erfahrung hatte sie verändert und so war immer ein Hauch Traurigkeit um sie.

In diesem Moment betrat Airbrush die Bar, sie sah Samba sofort und beide sahen schnell in eine andere Richtung. Als sie zu mir rüber kam, schaute sie fragend zu Betty hinüber: „Ob sie es weiß?“ fragte sie. Ich zuckte die Schultern, das war eine andere Geschichte.

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Alt 29.11.2005, 14:19   #8
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Shelleys Gedanken

Shelley drückt ihre fast bis auf den Filter abgebrannte Zigarette in dem großen Aschenbecher aus und macht sich ans Aufräumen. Der Detektiv ist schon seit einer Weile fort und nur sie und der abwesende Tom befinden sich in der Bar.
Nachdenklich starrt sie ihn an. Es stört sie, dass er in ihrer Bar abwesend gegangen ist. Wenn sie die Bar nun verlässt und abschließt und er wieder zu sich kommt, nun ja, er ist ein Neugeborener und wird sich nicht zu helfen wissen. Andererseits hat sie keine Lust, sich noch länger in der Bar aufzuhalten und darauf zu warten, dass er zu sich kommt.
Verärgerung überzieht ihre Gesichtszüge und sie geht auf ihn zu, packt ihn bei den Schultern und schüttelt ihn. Natürlich kommt auch dann keine Reaktion, wenn jemand abwesend ist, kann man ihn schwerlich dazu bringen, aufzuwachen oder zurück zu kommen. Frustriert lässt sie ihn los und er knallt mit dem Kopf voran auf den Tisch. Shelley macht sich keine Sorgen darum, dass er verletzt sein könnte, Abwesenden passiert so etwas nicht.
Sie beschließt, die Bar mit der schlechten Luft, die voll von abgestandenem Zigarettenrauch ist, zu verlassen. Sie braucht Ishtar nicht zu rufen, die Katze hat sie genau beobachtet und ist sofort neben ihr, als Shelley die Tür öffnet.
Die Luft draußen ist kalt und der Himmel grau. Kein Bewohner ist um diese Zeit unterwegs und das gefällt Shelley. Es ist ganz still in den Straßen und nur die Absätze ihrer Stiefel auf dem feuchten Straßenbelag sind zu hören. Sie beschließt, an das Ufer des Sees zu gehen, wie sie es oft um diese frühe Tageszeit tut. Sie beschließt, an das dem Fährsteg gegenüber liegende Ufer der Insel zu gehen, da die Fähre oft früh schon unterwegs ist und sie kein großes Verlangen nach der Anwesenheit anderer Bewohnern verspürt, nachdem sie schon den ganzen Abend und die Hälfte der Nacht gezwungenermaßen mit ihnen verbracht hat. Jetzt braucht sie einfach das Alleinsein. Ihr fällt der Detektiv wieder ein. Wie jedes Mal, wenn sie an ihn denkt, schwankt sie zwischen Wehmut und Wut. Ihm hat sie die Arbeit in der Bar zu verdanken, die so gar nicht ihrem Wesen entspricht. Sie schüttelt ihre langen Haare um die Gedanken an ihn zu vertreiben. Schon nach 20 Minuten erreicht sie das Ufer des Sees und läuft über den klammen, feuchten Sand. An der Wassergrenze befindet sich ein breiter Baumstumpf, auf den sie sich setzt und die Beine anzieht und die Arme um sie schlingt. Die Feuchtigkeit des mit Regenwasser voll gesogenen Baumstumpfs sickert durch den Stoff ihrer Hose und sie fröstelt, dennoch bleibt sie dort sitzen. Ishtar gefällt weder der nasse Sand noch der nasse Baumstumpf, und so springt sie Shelley auf den Schoß, die einzige trockene und warme erreichbare Stelle momentan für sie. Automatisch ändert Shelley ihre Position, sodass die Katze es bequem hat und krault sie gedankenverloren. Ihr Blick gleitet über das spiegelglatte Wasser des Sees und verliert sich in der Ferne. Ihr entfährt ein leiser Seufzer. Sie fühlt sich oft so eingeengt, weiß aber nicht, was sie anderes als die Welt von Ketocity erwarten sollte. Es ist nicht möglich, in das Wasser des Sees einzutauchen und die Insel zu verlassen und niemand würde auf die Idee kommen, es zu versuchen. Shelley wird bewusst, dass sie sich schon wieder in Grübeleien verliert, die nichts bringen. Es gibt keine Antworten auf ihre Fragen. Sie starrt auf die ruhige Wasseroberfläche. Dann zuckt sie plötzlich zusammen. Wie ein Blitz erschien ihr die Vision von ohrenbetäubend lautem, sprühendem und zischendem Wasser. Verbunden mit einer tiefen Sehnsucht, dieses Wasser zu erleben, die sie nicht versteht. Explodierendes Wasser… der See war immer ruhig, nie hatte sie solche schäumenden, wilden Wellen erlebt. Es konnte also keine Erinnerung sein. Was war es dann? Die Zukunft? Passierte etwas Unheilvolles in der Zukunft mit dem See? Aber warum hatte sie dann das große Verlangen, diesem tosendem Wasser nahe zu sein?
Sie blickt Ishtar an, die, die Augen halb geschlossen, behaglich schnurrt. Sie glaubt, Ishtar hat alle Antworten auf ihre Fragen, doch nie verrät ihr die Katze auch nur eines ihrer Geheimnisse. Es ist nicht wichtig. Shelley schließt ihre Arme um die Katze und findet so wie immer den Trost, den nur diese Katze ihr geben kann.

*
Nach einer Weile, durchgefroren und mit steifen Gliedern steht sie auf und macht sich auf den Rückweg zu ihrer Bar, in deren Hinterzimmer sie auch wohnt. Ishtar maunzt anklagend, da sie nun ihre Pfoten wieder mit dem kalten, feuchten Sand in Berührung bringen muss.
Bei der Bar angekommen, schließt sie auf und schaut als erstes nach Tom. Dieser befindet sich immer noch in unveränderter Position. Genervt zischt Shelley ein paar unfreundliche Worte und begibt sich in das Hinterzimmer. Sie will sich etwas schlafen legen, bevor sie die Bar wieder öffnen muss.
Sie schläft tief und traumlos und wacht erst wieder auf, als die Sonne schon langsam untergeht.
Als sie den Eingang aufschließt, steht Betty Page schon vor der Tür. Locker begrüßt diese sie mit einem „Hi, machst du mir gleich einen Drink? Den könnte ich jetzt vertragen!“
Shelley lässt sie herein und sieht auf der anderen Straßenseite Samba. Sie knallt die Tür wieder zu. Sie fragt sich oft, wie Betty Page es gelingen konnte, an Samba so nah heran zu kommen. Samba mit den schönen Worten, der sich Mühe gibt, sich zu kümmern und sozial zu sein, aber dennoch in Wirklichkeit nur an seinen Geschäften interessiert ist. Ein Verhalten, das Shelley frustriert. Würde sie nicht diese Bar führen, könnte sie Betty Page die kalte Schulter zeigen, doch so muss sie sich zusammen reißen, da Betty ihr nie etwas getan hat.
Als Jordan die Kneipe betritt, ist Betty schon beim dritten Drink. Jordan gesellt sich zu ihr und verlangt das gleiche, harte Getränk. Selbstbewusst wirft sie ihre Lockenmähne nach hinten und zündet sich eine Zigarette an.
Shelley würde sich zwar am Allerliebsten in ihrer Einsamkeit verlieren, dennoch ist sie oft fasziniert von der Möglichkeit, die Bewohner beobachten zu können und dennoch eine Distanz zu halten. Von sich gibt Shelley nie etwas preis, aber in ihrer Position werden ihr oft Geheimnisse anvertraut. Shelley hört sich alles an, hält sich aber strikt heraus. Für Hilfe und Heilung der Seele ist Kidimisa zuständig. Viele Bewohner waren auch nur einfach interessant zu beobachten, so auch Jordan. Jordan wirkt so stark, sie hat eine Ausstrahlung, die Shelley fast erdrückt. Dennoch sieht sie oft in Jordans Augen eine große Traurigkeit und Verzweiflung, wenn diese sich unbeobachtet wähnt. Jordan vertraut ihr gegenüber nie den Grund dafür an und so wartet Shelley einfach ab, ob ein neues Puzzleteil zum Vorschein kommt und es irgendwann ein genaueres Bild davon geben wird.
Shelley ertappt sich, wie sie Jordan nachdenklich anstarrt, die das aber nicht bemerkt, da sie selbst gedankenverloren ihre glimmende Zigarette am Aschenbecherrand schleift. Schnell schaut Shelley auf ihre Gläser, die noch poliert werden müssen.
Betty hat Shelleys Blick bemerkt und schaute sie kurz prüfend an, zuckt dann jedoch mit den Schultern und wendet sich in Richtung Tür, wo gerade Farraday herein kommt. Farraday ist ein in der letzten Zeit eher seltener Gast, dafür ein um so mehr gern gesehener. Betty läuft auf ihn zu und umarmt ihn stürmisch. Farraday grinst nur, er kennt Bettys hin und wieder überschäumende Art und beide verziehen sich in eine der dunklen Nischen, die auch der Detektiv immer bevorzugt, um sich ungestört zu unterhalten. Towser… er ruft wieder dieses warme, vertraute Gefühl in ihr hervor, wogegen sie sich aber sträubt. Was er getan hat, will sie ihm nicht so schnell verzeihen. Schließlich hat er…
„Gibt es hier auch etwas zu essen? Ich habe so einen riesigen Hunger… Hast du Steak da? Und Salat? Das darf ich doch essen?“
Dieser furchtbare Tom. Er ist wieder anwesend und fängt sofort an zu nerven.
Sie nickt und bedeutet ihm, zu warten und geht in die kleine Küche. Ishtar folgt ihr auf dem Fuß, was Shelley kaum noch wahrnimmt, da es einfach immer so ist.
Sie entnimmt dem kühlen Schrank ein großes, blutiges Steak und wirft es in die Pfanne. Sie fängt wieder an zu grübeln. Woher kommt eigentlich das Fleisch? Klar, sie kann es bestellen und es wird ihr geliefert und wahrscheinlich kommt es mit der Fähre mit, aber woher stammt es ursprünglich? Was ist es? Es ist einfach immer da, sie brauchen es, auch die Katzen brauchen es und für alle war es selbstverständlich, dass es da war. Sie wischt den Gedanken beiseite. Wie immer kommt sie auf kein Ergebnis und Ishtar starrt sie nur an und gibt nichts preis. Vielleicht sollte sie Towser fragen, vielleicht kann er es in Erfahrung bringen, er ist ziemlich gut in solchen Dingen. Bei Towser fühlt sie sich wohl, ihm kann sie alles erzählen und auch ihre seltsamen Gedanken anvertrauen. Er hat eine Tiefe, die sie an Samba immer vermisst hat. Wenn da nur nicht diese Sache gewesen wäre, die sie so enttäuscht hat…
Das Steak ist durchgebraten und sie garniert einen Teller mit grünem Salat und schiebt das Steak in die Mitte darauf.
Tom stürzt sich sofort auf das Essen, sobald er es vor sich hat. Er isst wie ein Schwein (Schwein? Was sollte das wieder sein…?), sein Hunger lässt ihn jegliche Manier vergessen. Shelley findet es widerwärtig, doch ihre Miene verrät nichts.
„Bleibe ich mit dem Salat in Ketose? Ist es nicht zu viel davon? Könnte ich noch einen Nachschlag haben?“
Eifrig sieht er sie an und bemüht sich nicht einmal, vor dem Sprechen herunter zu schlucken.
„Das ist ein ketogenes Essen. Du bist ein Neugeborener, also darfst du noch zwei weitere Salatportionen zu dir nehmen und Steak, so viel du willst, ohne, dass du aus dem Zustand der Ketose fällst. Du solltest jedoch langsam essen, da das Sättigungsgefühl erst später einsetzt und du so die Menge reduzieren kannst. Du wirst es noch lernen, ein natürliches Sättigungsgefühl zu erlangen.“
Der Frust, diesen Job zu haben, kehrt zurück. Sie mochte diesen übereifrigen Tom nicht, der alles auf einmal will, aber wenig dafür tut. Diese Geduld, die sie aufbringen muss, um ihm zu helfen, zerrt an ihrer Energie. Normalerweise muss sie derartiges nicht, dafür waren andere zuständig, die das auch besser konnten als sie.
Es kommt auch sehr selten vor, dass sie jemals einem Gast Essen zubereiten musste, die meisten kommen nur wegen der Drinks, der Gesellschaft und wegen des Rauchens. Aber da Essen bei ihr im Angebot ist, muss sie sich natürlich damit abfinden.
Hoffentlich ist er bald satt und verlässt ihre Bar, bevor er hier wieder abwesend geht.
Das ist er, zu neugierig auf Ketocity hält es ihn nicht mehr lange in der schwarzen Katze und Shelley entschlüpft ein Seufzer der Erleichterung, als sich die Tür hinter ihm schließt.

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Alt 29.11.2005, 22:10   #9
xxl
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Besuch beim Bürgermeister

„Ha, ha, ha!“, der mächtige Brustkasten des Mannes bebt und ich habe das Gefühl, die Schallwellen seines donnernden Lachens in meinem Gesicht zu spüren. Auch mir laufen vor Lachen die Tränen über das Gesicht. Mein Bauch schmerzt vor lauter Anspannung. „Die dummen Gesichter werde ich nie vergessen“, prustet er: „Und dann sind sie aufgesprungen und haben die Hosen runter gelassen!“ Er schlägt sich mit der flachen Hand so fest auf die massiven Oberschenkel, dass ich glaube, seine Hose müsse jeden Moment reißen.
„Sei froh, dass sie weg sind Orca!“, sage ich keuchend, „Da wären dir ein paar Gegenstimmen sicher gewesen!“ Man sollte nicht glauben, dass Orca einer der reichsten und einflussreichsten Männer von Ketocity ist, wenn man sieht, wie kräftig er noch ist. Aber er hat sehr viel erreicht und amüsiert sich oft über die Ziele der Bewohner! Er wäre nicht übergewichtig, sondern untergroß, ist eine seiner Regeln und außerdem sei er als kleines Kind in den Griesbrei gefallen.
Wir amüsierten uns gerade über die alte Geschichte, in der Orca so richtig unbürgermeisterlich aufgetreten war. Ein paar Neugeborene hatten angeberisch und lautstark im „Schwarzen Wolf“ randaliert. Orca hätte die alleine durch sein Auftreten zur Ruhe bringen können, aber an dem Abend war es wohl ein Drink zuviel gewesen. Außerdem gab es so selten die Gelegenheit, seine in Ketocity einzigartige Gabe einzusetzen. Er kann sich nämlich einfach mal eben so vorstellen, seine Diät aufzugeben und dann innerhalb eines Augenblicks gute zwanzig Zentimeter an Bauchumfang zunehmen. Eine Minute später ist er dann für gewöhnlich wieder normal.
Also hat er sich die Schale mit den Würstchen geschnappt und in eines rein gebissen. Die Schale hat er den Neulingen dann unter die Nase gehalten und gegrollt: „Super Keto-Würstchen. Kommt, wir essen erst und dann reden wir!“ Eingeschüchtert haben die zugegriffen und brav gegessen. Und dann fing Orca mit seinem Schauspiel an. Er hat sich an den Kragen gegriffen und die obersten Knöpfe geöffnet. Dann hat er nach Luft geschnappt und ist ganz rot im Gesicht geworden. Mit wütender Stimme hat er gebrüllt: „Wolfi, du Idiot hast schon wieder die vegetarischen Würstchen mit der Stärke auf die Theke gestellt.“ Und dann hat er begonnen seinen Gürtel zu öffnen und wie ein Hefekloß aufzugehen. „ Schnell!“, hat er die Rabauken angewiesen, „Hosen runter, sonst zerreißt es euch!“
Als die dann ohne Hose da standen, hat er seinen Gürtel wieder geschlossen und ruhig gesagt: „Entschuldige Wolfi. Ich habe mich getäuscht. War wohl nur die schlechte Luft hier!“
Wir kichern noch eine Weile und schütteln uns, bevor Orca wieder ernst wird.

„Towser, ich teile deine Bedenken bezüglich der Wolke!“, beginnt er, „Aber ich kann dir noch nichts versprechen. Hier herrscht eine unglaubliche Unordnung. Ich habe keine Ahnung, was mein Vorgänger hier verwaltet hat. Die Angelegenheiten der Gemeinde jedenfalls nicht!“, er weist auf einen unordentlichen Stapel Papier mit handschriftlichen Eintragungen. „Es soll geheime Aufzeichnungen mit vertraulichen Informationen für den Bürgermeister geben!“, ruft er erregt, „Aber wo sind die?“. Er nimmt den Stapel und wirft ihn in die Luft. Während die Blätter um uns herum zu Boden tanzen, wuchtet er sich nach vorne und senkt seine Stimme: „Ich will diesen Dreckstall hier mit eisernem Besen auskehren. Hier ist eine ganze Menge faul. Sag du mir, wem ich vertrauen kann!“
Ich wüsste schon jemandem, aber Dallas wäre es sicher nicht recht, wenn ich ihren Namen jetzt nenne. Aber ich werde mit ihr reden.
„Ich fädele das ein!“, verspreche ich ihm, während er mich mühelos zur Tür schiebt. Er hätte jetzt zu tun und würde sich melden, wenn er wüsste, wie er uns helfen kann mit der Wolke.

Fortsetzung folgt

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Alt 30.11.2005, 01:29   #10
Betty Page
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Ausgerechnet Samba! Betty denkt nach!


Ausgerechnet Samba!
Betty denkt nach!

Hook-Punch-Uppercut- Kick, Hook-Punch-Kick – Schläge und Tritte prasseln im Stakkato auf den Sandsack. Pock-Pock-Pock- ich muss- er muss-es muss- doch noch was anderes geben!!!!!!!!!!
Plötzlich hält sie inne, Blut tropft zwischen der Bandage ihrer rechten kleinen Hand hervor. Betty Page hat mal wieder zu fest zugeschlagen. Stress, Gedanken, Sorgen führen ihre Hände und Füsse in letzter Zeit oft zum Boxsack im hinteren Teil des Fitnessraums im KetoFIT. Wo tagsüber muskelgestählte Ketojünger ihre Fäuste tanzen lassen, schickt Betty nach Feierabend ihre Sorgen und ihren Frust aufs Leder.
Und momentan häufte sich so einiges an Scheiße. Als erdiger und grundstrukturiereter Mensch würde Betty ihre Gemütsscheiße zunächst in drei Untergruppen von Scheiße unterteilen-
1)Grundscheiße
2)Geschäftsscheiße
3)Herzscheiße
Grundlegend ist zunächst die Frage nach ihrer Anwesenheit in ketocity. Warum ist sie hier? Sie ist weit rumgekommen. Getrieben von einer gehässigen Familie und oberflächlichen Freunden, die ihr rieten dorthin zu gehen wo es keine Kalorien und kein Fett gibt. Und sie ist durch die hölle gegangen. Orte, an denen man sich quälte wie der Hamster im Laufrad ohne Erfolg, die reinste Folter. Bis ihr schließlich der Weg nach Ketocity gewiesen wurde. Sicher, das hier is auch kein Mädchenpensionat, aber immerhin kann man sich satt essen und sieht Erfolge. Außerdem hat sie in Ketocoty das Gefühl endlich auf Gleichgesinnte getroffen zu sein. Mit Freundschaften ist man hier zurückhaltend, aber gute Bekannschaften gibt es schon. Sie ist sogar Geschäftsführerin im örtlichen Fitnessclub. Ja ja, wunderbar. Disziplin war nötig, sie ist fit, Muckis sieht man, wer schön sein will muss leiden, aber ........man muß dauerhaft was dafür tun. Immer!!!!!!!!!!!!
Man repräsentiert etwas, hat das gefühl, alle augen beobachten die eigene statistik. Das setzt unter druck. Dazu kommt: tadadada..............
die Geschäftsscheiße: erst ist der angestellte Fitnesstrainer, den alle Frauen liebten, der der absolute Publikumsmagnet war, ist rückfällig geworden. Mit kekskrümeln und cornetto eis.
Reihenweise haben sich die dicken Hausfrauen, die auf dem besten Wege wagen, Sporty Spice zu werden aus dem KetoFIT abgemeldet.
„Ich bin wieder drauf,“ hat Roseanne ihr unter Tränen eines leeren Sonntagmorgens am Tresen gebeichtet. „Ich will nicht mehr, ich hau ab, ich gebs dran, ich kann ohne Rubikscube nicht mehr. Und ich will auch nicht mehr. Ich bin jetzt mit nem Pizzabäcker zusammen, aus Carbo Town. Da geh ich hin. Ich liebe ihn..............und seine Mehlspeisen. Ich bin abhängig davon.“
Bettys Gesichtszüge entgleisten langsam aber stetig“ Mooooment, wo gehst du hin? Und woher kennst du den jungen Mann aus Carbo Town? Wenn er wirklich Pizzabäcker ist, ist mit Sicherheit hier nicht regisitriert, oder?????,“ fragte sie scharf.
„Nö,“ zuckte Rosi mit den dicken Achseln.
„Und woher kennst du ihn dann?“ herrschte Betty sie an.
„Von so nem schmucken Muskelboy hier aus Studio, Samba oder so heißt er . Er hat mir den Süßen vermittelt. Ihr holt euch eure Konkurrenz direkt ins Haus,was soll ich machen“ lamentierte Rosi.
Betty zog zischend die luft ein.
„Dann-verschwinde-hier-bevor-das-Keto-ZK-hier-eintrifft“, stieß sie mühsam hervor.
Und da wären wir bei dem Punkt „Gefühlsscheiße“.
Außgerechnet Samba, der sie auf eine ichweißnochnichtgenau Art und Weise berührt, vertickt in ihrem Fitnessstudio KH Drogen. Scheiße. Ja klar, sie steht auf ihn. Er sieht gut aus, ist witzig, eloquent, sie unterhalten sich über tagesaktuelle Themen, Politik, fahren auf ähnliche mucke ab, können zusammen feiern, stehen beide sehr auf tattoos, aber dennoch gibt es einen Rest Raum zwischen den beiden,der sich noch nicht recht öffnet. Besonders dann, wenn er „mal eben seine Geschäfte erledigt....“ Dann entfernt sie sich, nur um wieder zu schmelzen, wenn er ihre schwarzen haare streichelt, ihre sinnlichen lippen lobt oder ihren sportlichen körper...................
Tausend Baustellen.
Und dann hat sie noch dieses komsiche Verhältnis zu der Schwarzen Katze. Betty weiß nicht genau warum ihr Verhältnis etwas unterkühlt ist. Eigentlich mag sie Shelley, und sie hat auch das Gefühl, daß die Schwarze Katze nichts gegen sie persönlich hat, weil sie schon irgendwie auf einer Linie sind. Sich als Gesprächspartnerinnen schätzen könnten. Vermutlich spielt Samba da eine Rolle, die er nicht preisgeben mag. Zumindest ist es mit einem von beiden entspannter, als mit beiden zusammen.
Allerdings wird im Studio viel über Shelley gemunkelt, von wegen Magie und Mystik. Da hat Betty eben so gar keinen Zugang zu. Sie findet die Katze einfach gut als toughe Wirtin und empfindet das zusätzliche kühle Verhalten momentan als Belastung.
Vielleicht sollte sie sich doch einmal näher mit Farraday 1 befassen. Nein, aber nur als Freund. Der hübsche Junge Mann ist Betty in den letzten Monaten in Ketocity ein echter Freund geworden. Ihren Humor teilend und immer mit gutem Rat anwesend oder gar dichtend hat er sofort ein ihre Sympathie gewonnen.
Oh mann, denkt Betty, morgen unbedingt mal zu Kidimisa. Ich brauch ne gute, liebe Schulter zum ausweinen.
Und sie müßte zu Dallas aus der Verwaltung, denn die könnte was für Betty regeln.
Betty hat neulich nach einemSteit mit Samba und 2 Flaschen Wein im Vollrausch: Thomas Weis (Ordnungsdezernent v Ketocity) frisst Reis!!!!!!!!!!!! an die Rathaustür geschrieben und irgendeine Klatschbase hats gesehen. Dabei stimmts wirklich – hat Samba ihr erzählt. Und der muss es wissen, oder?

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